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SIND JAHRE NÖTIG UND WIEVIELE? UND NUR JAHRE?


    Die über 150-jährige Geschichte der Fotografie liefert Historikern eine unendliche Fülle fotografischer Momentaufnahmen von Ereignissen, die in der Vergangenheit stattgefunden haben - sie gelten als deren objektive Beweise. Ereignisse, ... am häufigsten sieht man auf den Bildern jedoch Menschen, die diese Ereignisse auslösten, die aber auch gleichermaßen häufig an ihnen beteiligt sind, ohne Wahlmöglichkeit, nicht selten gegen ihren Willen. Die Fotos zeigen Menschen - man möchte fast sagen - in ein Leben verstrickt, das vom unvorhersehbaren Schicksal unendlich kompliziert wird, indem es den Einzelnen oftmals in eine Extremsituation stellt, aus der es kein Entrinnen mehr gibt. Die Menschheitsgeschichte ist voll von den verschiedenartigsten Unglücken und Katastrophen. Mit Bedauern muss man feststellen, dass diese in ihrer eindeutigen Mehrheit auf eigenen, menschlichen Wunsch hin eintraten ...
    Große Ereignisse, auch solche mit positiven Folgen für die Entwicklung von Kultur und Zivilisation, tragen mit großen Bildersammlungen Früchte. Zumeist verdanken wir diesen die Informationen über Menschen und Ereignisse. Garant für die Glaubwürdigkeit der Informationen ist gerade die Größe der Sammlung, denn infolge gemeinsamer, sich auf vielen Fotografien wiederholender Elemente sowie der Beständigkeit ihres Auftretens - gewissermaßen auf höherem Niveau - wird eine Wahrheit über das Ganze generiert, die eine Art historisch-philosophischer Synthese ermöglicht und eine weltanschauliche Distanzhaltung gewährleistet. In der Geschichte der Fotografie gibt es zahlreiche derartige berühmte Sammlungen, es genügt z.B., an die amerikanische Fotografie über die soziale Thematik des Zeitraums der großen Wirtschaftskrise zu erinnern, die den Ruin der Farmer dokumentiert ("Farm Security Administration"), oder auch die von britischen Soziologen durchgeführte fotografische Erfassung des Lebens der Arbeiterklasse ("Mass Observation"). Diese Arten von Sammlungen aber wurden "von oben herab" organisiert und von Profis nach einer vorweg festgelegten Doktrin systematisch verwirklicht. Dabei begleitet doch die Fotografie den menschlichen Alltag seit langem, auch in den tragischen Momenten stürmischer Umwälzungen, wenn Fotografien von Amateuren, die die sie umgebende Wirklichkeit festhalten, die Welt so zeigen wie sie ist. Bilder werden nämlich ohne sachkundige Motivauswahl - oft nach einer im Vorhinein angenommenen Doktrin - gemacht, ohne ästhetische Bilderfassung, ohne Manipulation usw... Diese Art von fotografischen Sammlungen scheint ein echter Beweis zu sein, ein Festhalten von Umgebung und Zeit mit all ihren tragischen Momenten. Man kann sich der Überzeugung nicht erwehren, dass wir gerade diesen Fotosammlungen am meisten verdanken. Über sie schrieb Urszula Czartoryska: Die in diesen Zeugnissen enthaltene Wahrheit wird zur Mission, die Dokumentation des gesellschaftlichen Lebens übernimmt die Funktion einer Moralität, oder gänzlich die Vision der Apokalypse, nach den Worten des Johannes: <... ich sah die unermessliche Schar der Gerechten ...>".
    Wir sehen analoge Bildersammlungen vor uns, die den oben charakterisierten nahe stehen, ... sind sie Zusammenstellung oder Konfrontation? Autor einer dieser Sammlungen ist ein deutscher Soldat, der Obergefreite Helmut Riemann - er schuf sie während der Offensive in Polen, in Frankreich sowie im Verlauf des Feldzuges auf dem Gebiet der Sowjetunion, wo er im März 1942 fiel. Er diente als Funker im Nachrichtendienst und hielt die von deutschen Truppen hinterlassenen Zerstörungen in Bildern fest, er fotografierte Kameraden bei Ruhepausen, aber auch vorbei ziehende Kolonnen von Kriegsgefangenen.
    Autor der zweiten Sammlung ist Leutnant Dr. Czes³aw Elektorowicz - Bataillonsarzt und Eroberer des Monte Cassino. Seine Fotografien zeigen das Schlachtfeld unterhalb des Benediktinerklosters, den soldatischen Alltag sowie auch offizielle, gar feierliche Momente, zu denen z.B. ein Feldgottesdienst zählt. Autor der dritten Sammlung ist Tadeusz Szumañski - Fotoreporter der 2. Panzerbrigade der polnischen Armee in Nahost. Seine Fotografien stammen teils aus Schulungscamps, teils entstanden sie während der Kriegshandlungen in Italien. Ort der gemeinsamen Ausstellung - das Museum für Fotografiegeschichte in Krakau, Kurator der Ausstellung ist der Kustos Andrzej Rybicki.
    60 Jahre, fast drei Generationen, ... diese Zeitspanne ist seit den auf den Fotos festgehaltenen Ereignissen vergangen. Reicht dieser Abstand aus, um die Bilder ohne irgendwelche emotionelle Polarisation zu betrachten? Dürfen wir angesichts der Fotografien nur eine nach Erkenntnis strebende Haltung einnehmen, erweitert vielleicht um Teile einer ästhetischen Perspektive? Falls ja, wie soll man sich dann gegenüber dem eigenen emotionellen Naturell verhalten, das jedes ästhetische Erlebnis begleitet und an das Subjekt gerichtet ist, das dieses Erlebnis hervorruft, das kulturell herausgebildet und durch Werte des Bezugsrahmens gekennzeichnet, ist, innerhalb dessen es bereits als ästhetischer Gegenstand wirksam ist, und mit diesem Bezugsrahmen gemeinsam als Ganzes über die Intensität des Erlebnisses entscheidet? Und was soll man mit dem unmittelbar dargestellten, denotativen Inhalt anfangen?
    Es scheint, dass es uns leichter fällt, einem Foto als einem physischen Gegenstand gegenüber neutral zu bleiben - und einzig über seine Darbietungsform zu sinnieren, in diesem Fall also schon als einem Objekt der Vergangenheit, ... seine - nennen wir sie einmal - "archäologischen" Werte zu betrachten, d.h. die Erkennung der Stilmerkmale einer Fotografie in jenen Zeiten, den Stand der Technologie sowie technische Aspekte. Als Ganzes ein schwieriger Vorgang... und letztendlich wohl unmöglich. Ein Foto ist stets eine bestimmte integrierte Gesamtheit, und obgleich wir uns seines schichtweisen Aufbaus bewusst sind, ist beim gegebenen Vorgang der Perzeption, sogar bei determiniertem Hinsehen - im Sinne eines niveauvollen kulturellen Fachwissens - eine Reduktion auf die Denotationsphase unmöglich. Dies ist so auf Grund der für die bildhafte Fotografie selbstverständlichen Bedingtheit, und die o.g. Fragen könnte man in dieser Situation durch eine einzige ersetzen: Ist es also möglich, die ikonographische Perspektive für diese Fotografien zu reduzieren?
    Man könnte meinen, ja, schließlich erfolgt angesichts der Bilder, die nun in einem anderen Bezugsrahmen als dem, in dem sie entstanden, wirken - es sind Bilder "von vor Jahren", - eine Veränderlichkeit in der Lesart ihrer Bedeutung, insbesondere, semiotisch ausgedrückt, der konnotativen Bedeutung, selbst wenn wir eine stete unveränderliche Lesart ihrer denotativen Bedeutung, d.h. der aus der unmittelbaren Darstellung hervorgehenden, annehmen. Selbstverständliche Änderungen der Bedeutung - auf beiden Niveaus - resultieren aus der Änderung des Bezugsrahmens, in dem das jeweilige Foto wirkt, besonders aus der historischen Sicht, die Veränderungen im Erwartungsgefüge wie auch in der Art und Weise des Verständnisses eines Bildes bei seinen neuen und inzwischen anderen Betrachtern erzwingt.
    Gegenstand dieser Abwägungen ist aber die sich verändernde Situation des Erwartungsgefüges, ohne Änderung der denotativen Bedeutung. Das jeweilige Bild bewahrt also seine Eindeutigkeit in der Lesart des dargebotenen Inhalts, d.h. auf bildhaftem Niveau, gleichzeitig jedoch ändern sich die konnotativen Regeln und Bezüge. Darüber hinaus ist es selbstverständlich, dass es sogar nach über einem halben Jahrhundert - hinsichtlich der ikonographischen Materialien über die Ereignisse des Zweiten Weltkriegs - mit einem Verhältnis ohne jegliche emotionale Polarisation schwierig ist, besonders in bestimmten Einzelfällen auf Grund der Besonderheiten der individuellen Erfahrung. Genauso aber ist es auch eine selbstverständliche Tatsache, dass in einer breiteren gesellschaftlichen Skala - unter Berücksichtigung der gegenwärtigen gesellschaftspolitischen Lage - eine Art Distanz besteht, aus der heraus jene polarisierende Emotionalität beinahe vollständig zu fehlen scheint. Wenn wir diese Sammlungen heute betrachten, erliegen wir einem psychologischen Mechanismus, den Roland Barthes mittels einer Analyse von Fotografien aus dem Nicaraguakrieg lakonisch aber treffend beschrieb:
    "Hier wurden Tausende von Fotos gemacht und ich kann das allgemeine Interesse an diesen Fotos selbstverständlich nachempfinden, aber die Gefühle erreichen mich durch die rationale Vermittlung meiner moralischen und politischen Kultur. Das, was ich angesichts dieser Bilder fühle, entstammt indirekten Gefühlen, fast einer Dressur."
    Obige Ableitung sowie auch Barthes' Ansicht postulieren, dass die Bilder von Riemann und Elektorowicz heutzutage irgendwie eine andere Bedeutung haben. Wie kann das sein? Sind doch auf diesen Bildern die Soldaten der Wehrmacht sowie des II. Korps der polnischen Streitmacht im Westen die gleichen geblieben, genau wie der Bezugsrahmen, in dem sie sich befinden. Haben wir es mit einer Art Kulturzwang zu tun oder sind hier Mechanismen anderer Art am Werk? Sicherlich handelt es sich um einen komplexen Vorgang, der von vielen Tatsachen unterschiedlicher Herkunft bestimmt wird, wie auch von der Heterogenität der Gebiete, auf denen sie sich ereigneten.
    Man muss an den - heute schon historischen - Fall des Briefes der polnischen Bischöfen an die deutschen Bischöfe erinnern, der aber auf Grund seiner Botschaft "um Vergebung sowie der Bitte um Vergebung" im Jahre 1965 auch umstritten war. Der Brief wurde damals als verfrüht eingestuft, wohingegen die allgemeine Zustimmung zur Versöhnungsgeste, die die Übergabe eines "Friedenszeichens" von Helmut Kohl an Tadeusz Mazowiecki während einer heiligen Messe in Krzy¿owa im Jahre 1990 darstellte, von der Relativität der Diachronie historisch-kultureller Vorgänge zeugt. Das bestätigen auch andere Tatsachen, z.B. das Wirken der Stiftung Versöhnung und die Auszahlung von Entschädigungsgeldern an Zwangsarbeiter im ehemaligen Nazideutschland - beidseitig allgemein akzeptiert, tatsächlich aber um einige Jahrzehnte zu spät vollzogen... Man sollte aber auch Simplifizierungen bei der Erklärung der Bilder von Riemann und Elektorowicz in der gegenwärtigen Situation mit dem Sinn des banalen Sprichwortes über die Zeit als bester Medizin vermeiden, denn hier geht es nicht um Vergessen!
    In dem Bemühen, Oberflächlichkeiten zu vermeiden, können wir uns jedoch nicht von der Einbeziehung der Fotos in die zeitliche Problematik befreien. Wie auf allen Fotografien, so nimmt auch auf den oben genannten die Welt in der Darstellung eine entgegengesetzte Position zu ihrer eigentlichen Natur ein, deren Hauptmerkmal Veränderlichkeit ist. Das Bild der Welt ist deren Fixierung, es unterliegt weder Evolution noch Metamorphose - im Gegensatz zur natürlichen und zivilisatorischen Wirklichkeit, im Gegensatz zur sich stets weiter entwickelnden Kultur und der Veränderlichkeit der Gemütslagen der Betrachter, unabhängig von den Spannungen auf der Linie Subjektivität - Objektivität der Wahrnehmung. Der Kernpunkt der Fotografie - die eigentümliche constans - besagt, dass sie abgeschlossen ist, ihre Endlichkeit bedeutet den Abschluss des zeitlichen Moments, in dem sie entstand. Jeder nachfolgende Augenblick sowie die gesamte Zukunft bilden für jene constans lediglich eine relative Ergänzung. Relativ, da später - also bezogen auf die Zeit, relativ, da in einer anderen Situation wirkend - d.h. hinsichtlich des kulturellen Bezugsrahmens, relativ, da von anderen Betrachtern aus gesehen - also bezüglich abweichender emotioneller Bedingtheiten anderer Beobachter ...
    Dies alles lastet als Befrachtung auch auf den Fotografien dieser Ausstellung und bildet einen nicht reduzierbaren Ballast, mit dem wir aber umzugehen imstande sein sollten. Diese Belastungen bedeuten einen schwierigen konnotativen Bezugsrahmen - auch nach 60 Jahren. Der um hundert Jahre ältere amerikanische Bürgerkrieg des Nordens gegen den Süden erzeugt bei uns keine derart starke Polarisation - zum einen kennen wir durch im objektivierten Sinne allgemein verbreitete Erfahrungen nicht dessen geopolitischen Zusammenhang und zum anderen identifizieren wir uns nicht mit einer der Parteien. Ein ähnlicher Mechanismus funktioniert heutzutage im Verhältnis zu den andauernden Kriegen in Afrika. Trotz der "Live-Übertragungen" der schwer vorstellbaren Gräuel rufen diese bei uns keine derart starke Polarisation hervor. Der exmarxistische Begriff der gerechten und ungerechten Kriege wird auch aus zeitlicher und geopolitischer Distanz heraus unpassend, d.h. durch fehlende Informationen im Bewusstsein, die die Wahrnehmung präliminieren könnten. Es bleibt der kulturelle Bezugsrahmen, der, indem er in breiter Perspektive für die jeweilige Kultur bezeichnende und individuelle Elemente umfasst, - zwangsläufig - auch all das annektiert, was durch die Besonderheit der sprachlichen, d.h. der nationalen, d.h... der nationalistischen Identität gekennzeichnet ist? Die menschliche Herrschaft über die ideologische Steuerung von Gesellschaften hat in der Geschichte schon so oft enttäuscht, dass man gerade diese tragischen Momente nicht vergessen darf. Wir dürfen auch die ursächlichen Quellen nicht außer Acht lassen, auch nicht die, die die Entstehung solch katastrophaler Polarisationen zwischen den Kulturen, Nationen und Menschen begünstigen.
    Diese Ausstellung belehrt uns über die Kardinalpunkte zu diesem Problem, indem sie die beiden Sammlungen im Zusammenhang nebeneinander zeigt. Wenn wir also die Quellen dieser Polarisation nicht überwinden, nicht besiegen, werden wir uns niemals davon überzeugen können, ob 60 oder 600 Jahre ausreichen, um den Krieg als Tragödie von Gesellschaften gewöhnlicher Menschen zu betrachten, von Menschen, die gezwungen wurden, an ihm aktiv teilzunehmen, wobei sie oftmals die Ansichten derer, die den Krieg auslösten und ihn aus dem Befehlszentrum heraus führten, nicht repräsentierten - andere hingegen nahmen häufig daran teil, weil sie sich zur Verteidigung der eigenen Besonderheit herausgefordert fühlten. Die Ausstellung provoziert auch die Frage: was und wer ist verantwortlich dafür, dass es diesen Menschen vorherbestimmt war, sich an eine Alltäglichkeit zu gewöhnen, in der sie aufhörten damit zu rechnen, dass sie umkommen werden. Die Bilder zeigen Situationen, in denen alltägliche Verhaltensweisen normale menschliche Reaktionen auslösen, wie auch, dass das Kriegstrauma, in dem sie steckten, die Menschen überhaupt nicht berührte.
    Obwohl die Zusammenstellungen sich unterscheiden, ist die polnische recht offiziell - besonders die Bilder mit General Anders, außerdem ist sie nur von einem Ort; die deutsche dagegen von mehreren Orten aus mehreren Jahren, endend mit dem tragischsten aller möglichen Bilder - dem Grab des Autors, das Bild des Krieges wird dagegen ähnlich dargestellt. Sie bestätigen eine universelle Wahrheit. Normale Menschen, die die "Basis" aller Armeen ausmachen, sind als normale Soldaten immer die gleichen. Sie durchleben die geringen Freuden des Alltags, die Tragödien der abscheulichen Momente usw. genau auf gleiche Art und Weise... als wenn der ganze Krieg irgendwo anders wäre und sie nichts anginge, ... denn im Wesentlichen war es so, dass sie durch die politischen Systeme und die von den Machthabern entfesselte Maschinerie gezwungen wurden, aktiv am Morden teilzunehmen und dem Ermordetwerden ausgesetzt zu sein... Nicht zugrunde ging jedoch, und die Bilder belegen es, das Wesen ihrer normalen Menschlichkeit.
   

£ód¼, April 2004